Manchmal hat man Pech, manchmal hat man kein Glück

Manchmal hat man Pech, manchmal hat man kein Glück

– und meistens hat man einen Produktionsplan,
der davon nichts wissen will.

„Manchmal hat man Pech, manchmal hat man kein Glück.“ Das ist einer dieser Sätze, die so klingen, als hätte sie ein Onkel auf einer Familienfeier erfunden – und die trotzdem mehr erklären als viele PowerPoint-Decks über „Risikomanagement“ und „Agilität“. Denn in der Realität kommt das Leben selten mit einem sauber nummerierten Drehbuch. Es kommt eher mit einem beiläufigen Plot-Twist, der sich anfühlt wie: Ach so, heute also Fuß.

 

Wir reden gern über Kontrolle. Über Planung. Über „wir haben alles im Griff“. Und dann steht man da, mit einer To-do-Liste, die für Menschen geschrieben wurde, die nie mit Zufall in Kontakt kommen. Dabei gibt es inzwischen sogar Forschung, die ziemlich unromantisch sagt: Erfolg und Scheitern sind nicht nur Talent, Fleiß und Kompetenz – sie sind auch Statistik, Streuung, Timing und schlicht Zufall. In einem bekannten agentenbasierten Modell („Talent vs Luck“) zeigen Pluchino, Biondo und Rapisarda, dass nicht zwingend die talentiertesten Personen die höchsten Erfolgsspitzen erreichen, sondern häufig die, die zusätzlich überproportional viele „glückliche“ Zufallsereignisse abbekommen. Talent ist notwendig, aber nicht hinreichend; Glück ist nicht alles, aber oft der Hebel.

 

Das ist der Moment, in dem man zwei Dinge gleichzeitig akzeptieren muss, ohne dabei zynisch zu werden: Erstens, du kannst richtig gut sein und trotzdem Pech haben. Zweitens, du kannst Glück haben und dir danach einreden, es sei ausschließlich Genialität gewesen. Dass unser Gehirn dazu neigt, Erfolge gern dem eigenen Können zuzuschreiben und Misserfolge eher den Umständen (aka „Pech“), ist in der Psychologie so bekannt, dass es dafür ganze Stapel an Literatur gibt – und es bleibt trotzdem jedes Mal aufs Neue unterhaltsam, wenn man es bei sich selbst beobachtet.

 

Ironisch ist daran: In der Kommunikation lieben wir das Gegenteil. Da tun wir gern so, als wäre alles logisch, geplant und „aus einer Hand“. Marken erzählen Erfolgsgeschichten als saubere Gerade: Vision → Strategie → Umsetzung → Applaus. Nur sieht die Realität eher so aus: Vision → Strategie → Umsetzung → irgendwas Unvorhergesehenes → Improvisation → vielleicht Applaus, wenn man’s gut macht.

 

Und hier kommt der Punkt, der für Kommunikation und Projekte wirklich zählt: Pech und Glück sind nicht nur romantische Ausreden, sie sind ein Argument für professionelles Arbeiten. Nicht, weil Professionalität Zufall wegzaubert – sondern weil sie dich weniger zerlegt, wenn er zuschlägt. Daniel Kahneman hat mit dem Begriff „Noise“ (Zufallsschwankungen in Urteilen und Entscheidungen) popularisiert, dass nicht nur Bias ein Problem ist, sondern auch die ganz normale, chaotische Varianz, die dafür sorgt, dass sogar Expert:innen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen – je nach Tag, Kontext, Stimmung, Informationslage. Wer das ernst nimmt, baut Prozesse, die nicht auf Perfektion hoffen, sondern Varianz reduzieren, Entscheidungen entkoppeln und robuste Abläufe schaffen.

 

Heißt übersetzt: Wenn Pech kommt, sollte es nicht noch zusätzlich ein Organisations-Pech sein. Man kann sich ein Bein stellen lassen – aber man muss nicht auch noch über die eigene Kabeltrommel fallen. Ein gutes Setup ist kein Luxus, es ist Schadensbegrenzung mit Stil.

 

Und trotzdem bleibt diese kleine Wahrheit stehen: Manchmal hat man Pech, manchmal hat man Glück. Das ist nicht fair. Aber es ist real. Die bessere Frage ist deshalb nicht „Wie verhindere ich Pech für immer?“, sondern „Wie kommuniziere ich, wenn es passiert – nach außen und nach innen?“ Denn genau da trennt sich glatte Selbstdarstellung von glaubwürdiger Kommunikation.

 

Am Ende ist der Satz nicht pessimistisch, sondern erstaunlich entlastend. Wenn etwas schiefgeht, bist du nicht automatisch unfähig. Wenn etwas gelingt, bist du nicht automatisch unfehlbar. Du bist irgendwo dazwischen: kompetent, bemüht, und gelegentlich Zielscheibe des Universums. Und wenn du in diesen Momenten trotzdem weitermachst, klar bleibst und nicht anfängst, dir selbst Märchen zu erzählen, dann ist das vielleicht die seltenste Form von Glück: die, die man nicht „hat“, sondern die man sich erarbeitet.

 

  • Quellen
    Pluchino, Biondo, Rapisarda: „Talent vs Luck: the role of randomness in success and failure“ (Agentenmodell, Rolle von Zufall in Erfolg) (arXiv)
    Frontiers in Psychology (2023): Systematische Übersicht zu Attributionsmustern („Ability or luck“) (Frontiers)
    PLOS Computational Biology (2025): Studie zu Selbstzuschreibung/„bad luck“-Attribution in Fehlerfeedback (PLOS)
    Kahneman-Interview/„Noise“-Konzept (Zufallsvarianz in Urteilen) (conversationswithtyler.com)
    (YouTube)